Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie

Social Media Leitfaden gemeinsam entwickeln

Ein Blog des Wilhelm-Gefeller-Bildungs- und Tagungszentrums

Auf die richtigen Fragen kommt’s an

Von Ute Demuth am 22. Juni 2012

Mikrofon

Fotograf: Holger Ellgaard, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wir wollen hier Leitfragen entwickeln, die dabei helfen sollen, das Thema Social Media-Nutzung im Betrieb strukturiert anzugehen. Zum Auftakt veröffentlichen wir ein Interview mit Eric Jäger*, Betriebsratsvorsitzender bei Bosch. Er und sein Gremium beschäftigten sich gerade damit, wie die Rahmenbedingungen zur Nutzung aussehen können, welche Themen in Zusammenhang mit sozialen Medien geregelt werden müssen und welche Fragen sich mit dem Medienwandel nicht nur im, sondern über den Betrieb hinaus stellen.

Ihr beschäftigt Euch gerade mit den Entwicklungen, die mit dem Einsatz sozialer Medien im Betrieb einhergehen. In Planung ist aktuell eine interne Plattform zum Austausch und gemeinsamen Arbeiten. Mit welchen Fragen seid Ihr dabei konfrontiert?
Ich sehe dabei zwei große Themengebiete auf die wir Antworten finden müssen. Zum einen müssen die Fragen im Zusammenhang mit dem Datenschutz beantwortet werden. Also, welche Daten werden wofür, wie lange und für welchen Zweck erhoben. Wie sehen die Zugriffs- und Löschkonzepte aus etc. Dies halte ich für ganz klassische Betriebsratsarbeit im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes im Zusammenhang mit der Einführung technischer Anlagen. Zum anderen geht es um die Frage, wie sich sie die Arbeitsbedingungen durch die breite Anwendung eines konzernweiten gemeinsamen Kommunikations-Mediums verändern. Wird Social Media zu einer Entgrenzung von Arbeitszeit, Arbeitsort und Arbeitsinhalten führen? Welche Auswirkungen wird Social Media auf die Wertigkeit von Arbeit haben? Welchen Einfluss haben solche Systeme auf die Ermittlung von Zielerreichung und Leistungsentgelt? Und nicht zuletzt: Nicht jeder gehört der Generation Y** an. Wie gehe ich mit Mitarbeitern um, die diese Art der Kommunikation und Zusammenarbeit, aus welchen Gründen auch immer, nicht aufgreifen werden?

Und was treibt Euch am meisten um?
Die Antworten auf die oben genannten Fragen müssen nicht zwangsläufig schlecht sein. Das „Web 2.0“ ist schon lange da. Das grundlegende Prinzip wird sich durchsetzen – weil die alles umwälzende Macht des Internets auf der Fähigkeit beruht, die Beiträge vieler Menschen ohne die lähmenden Nebenwirkungen einer Hierarchie und Bürokratie zu koordinieren. Damit wird das, was wir „Arbeit“ nennen, nicht nur verändert, sondern allmählich neu definiert. Wenn immer mehr Routinearbeiten an technische Systeme delegiert werden, zählt künftig vor allem das, was Menschen von Maschinen unterscheidet: Kreativität, Emotionen, Wissen, Erfahrung und vor allem die Fähigkeit, intelligent mit Unvorhersehbarem umzugehen.

Diesen Wandel kann man heute recht gut bei den „Digital Natives“** beobachten, die mit den digitalen Techniken aufgewachsen sind. Bei ihnen sind grundlegende Veränderungen in Sachen Mediennutzung und Kommunikationsverhalten zu beobachten. Social Media wird Unternehmen radikale Wandlungsprozesse abverlangen, aber zugleich auch Chancen eröffnen, vieles an alten Zöpfen, an internen Reibungsverlusten und anderem produktivitätsraubendem Ballast endlich über Bord werfen zu können. Mit Social Media sind wir auf dem Weg in eine „nächste Gesellschaft“ – die noch viel mehr Fragen aufwirft, beispielsweise diese: Wie verdienen die Menschen in der „nächsten Gesellschaft“ ihren Lebensunterhalt? Oder: Wie werden sich Gewerkschaften verändern müssen um noch Bestandteil dieser „Gesellschaft 2.0“ zu sein?***

Wie wollt Ihr die Beschäftigten in Eure Planungen einbinden, gibt es schon Pläne dazu?
Auf der geplanten Plattform wird der Betriebsrat einen eigenen Auftritt haben. Wir planen damit die Mitarbeiterbeteiligung, nicht nur im Zusammenhang mit Social Media, zu gestalten. Konkret heißt das: Meinungen über Befragungen, Diskussion in Foren und Blogs einzuholen und einfließen zu lassen.

Welche Auswirkungen werden diese Technologien auf die Arbeit und die Rolle von Betriebsräten haben, wie schätzt Du das ein?
Schwer zu sagen. Die klassischen Informationskanäle (wie z.B. BR-Zeitung, Newsletter, Betriebsversammlung, Flugblätter) sind in aller Regel von stark sendendem Charakter. Mit Social Media ist es nun vollumfänglich möglich Information zu senden und vor allem auch die Reaktion – sozusagen in Echtzeit – zu empfangen. Als Folge davon, so vermute ich, wird BR-Arbeit deutlich transparenter. Damit bietet sich die Chance, BR-Themen viel stärker in den Betrieb zu streuen und Mitbestimmung viel aktiver zu gestalten. Die einzelne Person kann viel schneller und einfacher ihre Vorstellungen zur Diskussion bringen. BR-Arbeit wird damit schneller, lebendiger und intensiver. Wir werden es ausprobieren und wie immer gilt: Ohne Resonanz, kein Tanz…

Die Veränderungen, die mit der Einführung sozialer Software in Betrieben verbunden sind, sind grundlegend: Welche Hilfestellungen brauchen aus Deiner Sicht Betriebsräte, die sich mit dem Thema befassen?
Ich habe oft beobachtet, dass wir bemüht sind für jedes „Wehwehchen“ die richtige Medizin oder Pille in unserem Arzneikoffer zu haben. Ich glaube, das wird in einer Welt der unbegrenzten Vernetzung und Verknüpfung nicht mehr funktionieren. Ich meine immer mehr Menschen zu erleben, für die Arbeit nicht mehr das Mittel zum Zweck ist. Es scheint vielmehr, dass Arbeit der erste Lebenszweck überhaupt geworden ist. Ich vermute, dass Social Media diese Tendenz weiter verstärkt. Diese Formen der Entgrenzung halte ich für gefährlich. Um damit umgehen zu können, brauchen wir eine Diskussion über Eigenverantwortung im Berufsleben. Wir brauchen Rahmenregelungen, die es uns ermöglichen unsere Grenzen klar äußern zu können. Regelungen, die es dem Individuum ermöglichen „Nein“ zu sagen, ohne vor Repressalien Angst zu haben. Wobei diese Reglungen den Charakter von Leitplanken haben sollten, innerhalb derer, nach Möglichkeit für jedes Individuum, genügend Raum für Bewegung vorhanden ist.

 

Wie immer freuen wir uns auf Eure Kommentare!

 

* Eric Jäger ist Betriebsratsvorsitzender im Bosch Entwicklungszentrum in Abstatt und leitet im GBR die Arbeitsgruppe zu Forschung und Entwicklung.

** „Generation Y“ meint nach 1980 geborene Menschen, die, weil sie in das Zeitalter von Digitalisierung hineingeboren sind, auch „Digital Natives“ genannt werden.

*** bezieht sich im Wesentlichen auf
Ulrich Klotz, IG Metall, Frankfurt: Schöne neue Arbeitswelt 2.0?
In: Jörg Eberspächer, Stefan Holtel (Hrsg.): Enterprise 2.0: Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation

 

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